Praxisanleitung: Vorsichtung durchführen
Die Vorsichtung hat das Ziel, vital bedrohte Patienten rasch zu erkennen und sie entsprechend der Lage priorisiert zu kennzeichnen. Sie stellt eine standardisierte, vorläufige Zustandsbeurteilung durch geschulte Einsatzkräfte dar, auf die eine ärztliche Sichtung folgt. Parallel werden auch erforderliche lebensrettende Sofortmaßnahmen durchgeführt. [1]

Abbildung: Piktogramm Sichtung
Indikation
Missverhältnis zwischen vorhandenen Ressourcen und Verletzten/Erkrankten/Betroffenen bei einem Massenanfall
Material
Einmalschutzhandschuhe
Sichtungstasche
Weste 'Vorsichtung'
Durchführung
Übernahme der Vorsichtung bei Rettungsleitstelle bestätigen
'Lage auf Sicht' (Ersteinschätzung) an Rettungsleitstelle rückmelden:
Bestätigung / Korrektur des Einsatzortes
Bestätigung der Einsatzmeldung / Meldung einer offensichtlichen Diskrepanz zur Lage vor Ort
Mitteilung offensichtlicher der Rettungsleitstelle noch nicht bekannter Gefahren an der Einsatzstelle (zum Beispiel Gefahrgut, Feuer, Explosion)
Weste 'Vorsichtung' anlegen [2]

Sichtungstasche mitnehmen
Sichtungskategorie für jeden Patienten / Betroffenen ermitteln
gegebenenfalls lebensrettende Maßnahmen durchführen
Freimachen der Atemwege (stabile Seitenlage)
Stillen lebensbedrohlicher Blutungen (Druckverband, Tourniquet)
Vorsichtungsliste Vorsichtungsliste über Sichtungskategorie führen

gegebenenfalls Verletztenanhängekarten verwenden
Ergebnisses der Vorsichtung an zuständige Führungskraft (zum Beispiel Rettungsleitstelle, Organisatorischen Leiter, Einsatzleiter Rettungsdienst, Technische Einsatzleitung) rückmelden
Anmerkungen
Abbildung: Sichtungsprozesses - Vorsichtung | Die Vorsichtung ist eine vorläufige, standardisierte Ersteinschätzung aller Verletzter, Erkrankter und Betroffener bei einem Massenanfall. Sie dient ausschließlich dazu, vital bedrohte Patienten (Sichtungskategorie I – rot) so schnell wie möglich zu identifizieren und deren sofortige Rettung und priorisierten Transport einzuleiten. Die Verletzten werden dabei nacheinander und algorithmenbasiert kurz untersucht, ohne umfassende Behandlung. Nur lebensrettende Sofortmaßnahmen wie das Stillen kritischer Blutungen, das Freimachen der Atemwege oder eine notwendige Lagerung werden unmittelbar durchgeführt. Jeder Patient wird eindeutig gekennzeichnet, und mit Abschluss der Vorsichtung beginnt die gerichtete Transportkette. Die Vorsichtung kann, je nach Lage, sowohl durch Ärzte als auch durch geschulte nichtärztliche Einsatzkräfte in Zweierteams durchgeführt werden. [3] |
Vorsichtungsteam
Die Vorsichtung und lebensrettende Maßnahmen werden grundsätzlich durch Zweierteams durchgeführt. Der Notfallsanitäter beziehungsweise gegebenenfalls der Teamführer verliest den Algorithmus, bereitet die Kennzeichnung vor und führt die Vorsichtungsliste. Der Teampartner führt auf Anweisung die entsprechenden Untersuchungen am Patienten durch. Gegebenenfalls erforderliche lebensrettende Maßnahmen werden gemeinsam durchgeführt. Der Auftrag an die Vorsichtungsteams lautet zusammengefasst: 'Finde die Roten – verhindere vermeidbare Todesfälle!'. [4]
Die Vorsichtung wird in der Regel vom ersten eintreffenden Notfallsanitäter durchgeführt. Wenn dieser nicht in adäquater Zeit am Einsatzort eintrifft, kann eine Vorsichtung auch durch einen KTW oder durch bereits anwesendes Personal von Sanitäts-, Wasserrettungs- oder Bergrettungsdienst begonnen werden, sofern die entsprechende Ausbildung und Ausstattung vorhanden ist. [5]
Lebensrettende Maßnahmen
Während der Vorsichtung sollen auch unverzüglich situationsgerecht durchführbare lebensrettende Sofortmaßnahmen ergriffen werden. Dabei soll nur ein Freihalten der Atemwege beziehungsweise die Stillung lebensbedrohlicher Blutungen durchgeführt werden: [6]
Freihalten der Atemwege
Zum Freihalten der Atemwege kann eine stabile Seitenlage, ergänzt durch Einlage eines Wendltubus durchgeführt werden.
Es wird explizit die Verwendung des Wendltubus angeraten. Die Verwendung eines Guedeltubus könnte bei nicht tief bewusstlosen Patienten Erbrechen mit nachfolgender Aspiration auslösen.
Stillung lebensbedrohlicher Blutungen
Zur Stillung lebensbedrohlicher Extremitätenblutungen wird eine suffiziente Tourniquet-Anlage empfohlen. Bei Blutungen am Körperstamm müssen gegebenenfalls umstehende Personen zur Kompression der Blutung angeleitet werden.
Literatur
[1] | Richtlinie zur Bewältigung von Ereignissen mit einem Massenanfall von Patienten und betroffenen Personen (MAN-RL): Bayerische Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr 7. Januar 2025, 4. Vorsichtung, Sichtung, Kennzeichnung und Registrierung - 4.2 Vorsichtung, Seite 19. |
[2] | Richtlinie zur Bewältigung von Ereignissen mit einem Massenanfall von Patienten und betroffenen Personen (MAN-RL): Bayerische Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr 7. Januar 2025, Anlage 2 - Kennzeichnung von Führungskräften, Seite 4. |
[3] | KI-Assistent Copilot (Microsoft): KI-unterstützt erstellt (abgerufen 2026-05-03, https://copilot.microsoft.com/). |
[4] | Richtlinie zur Bewältigung von Ereignissen mit einem Massenanfall von Patienten und betroffenen Personen (MAN-RL): Bayerische Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr 7. Januar 2025, Anlage 3 - 2. ... - taktische Entscheidungen, Seite 5. |
[5] | Richtlinie zur Bewältigung von Ereignissen mit einem Massenanfall von Patienten und betroffenen Personen (MAN-RL): Bayerische Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr 7. Januar 2025, Anlage 3 - 2. Vorsichtung - ..., Seite 4. |
[6] | Richtlinie zur Bewältigung von Ereignissen mit einem Massenanfall von Patienten und betroffenen Personen (MAN-RL): Bayerische Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr 7. Januar 2025, Anlage 3 - 2. ... - lebensrettende Sofortmaßnahmen – ..., Seite 4. |
Arbeitstechnik in Bildern
Abbildung: Vorsichtung durchführen - Schritt 4 | Weste 'Vorsichtung' anlegen [2] |
Abbildung: Vorsichtung durchführen - Schritt 7 | Vorsichtungsliste Vorsichtungsliste über Sichtungskategorie führen |











